Transdisziplinär zur Energiestrategie 2050
Wie kann Forschung so ausgerichtet werden, dass sie nicht nur wissenschaftliche Publikationen hervorbringt, sondern Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändert? Das Bundesamt für Energie erprobt hierfür eine transdisziplinäre Herangehensweise.
Forschung ermöglicht Innovationen. Dazu gehören technische Innovationen, die zu besseren Produkten führen. So ist es Forscherinnen und Forschern zu verdanken, dass der Wirkungsgrad von Photovoltaikzellen markant gesteigert werden konnte. Neben technischen gibt es systemische Innovationen. Sie wirken über verschiedene Sektoren und ganze Wertschöpfungsketten hinweg. Ein Beispiel sind intelligente Stromzähler (Smart Meter). Sie erlauben eine automatisierte Ablesung des Stromverbrauchs, und sie ermöglichen eine Vernetzung von Haushalten, Stromversorgern und dezentralen Kraftwerken, welche das Stromversorgungssystem um neue Formen der Flexibilisierung und Geschäftsmodelle erweitert.
Auf Sweet folgt Sweeter
Das Bundesamt für Energie (BFE) fördert die Energieforschung unter anderem mit dem neuen Programm Sweeter (Swiss Research for the Energy Transition and Emissions Reduction). Die erste Ausschreibung wurde im April 2026 gemeinsam mit dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) lanciert. Gesucht wird ein Forschungskonsortium, das während sechs Jahren die Umstellung industrieller Prozesse auf erneuerbare Energien und die Reduktion von Emissionen untersucht. Dafür stehen 12 Millionen Franken zur Verfügung. Vier weitere Ausschreibungen sollen folgen.
Sweeter löst das Förderinstrument Sweet (Swiss Energy Research for the Energy Transition) ab. Im Rahmen von Sweet wurden von 2020 bis 2024 sieben Forschungskonsortien mit insgesamt 125 Millionen Franken gefördert. Ziel beider Programme ist es, mit systemischen Innovationen die Umsetzung der Energiestrategie 2050 zu unterstützen.
Einbezug von Praxispartnern
«Für uns ist es wichtig, dass die vom BFE unterstützte Forschung nicht nur wissenschaftliche Publikationen produziert, sondern dass ihre Ergebnisse zu greifbaren Veränderungen in Unternehmen und Gesellschaft führen und auf diesem Weg zu den in der Energiestrategie 2050 formulierten Zielen beitragen», sagt Annina Fäs, Expertin für Wissens- und Technologietransfer beim BFE. Deshalb arbeitet das BFE seit Mitte 2023 mit dem Netzwerk für Transdisziplinäre Forschung (td-net) der Akademien der Wissenschaften Schweiz zusammen.
Das td-net fördert die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis. In transdisziplinären Projekten arbeiten Forschende gemeinsam mit Unternehmen, Behörden, Verbänden, Nichtregierungsorganisationen oder weiteren gesellschaftlichen Akteuren an praxisnahen Lösungen. «Unser Ziel ist, dass in den Sweeter-Konsortien genügend Praxispartner vertreten sind, dort ihre Perspektive einbringen und systematisch mitforschen», sagt td-net-Projektleiter Stefan Müller.
Wie das aussehen kann, erläutert er am Beispiel des Sweet-Konsortiums Achieve, das die Reduktion der Treibhausgasemissionen hin zu Netto-Null untersucht. Hier sei es wertvoll, Personen aus Betonkonzernen oder auch Landwirte zu beteiligen, sagt Müller. «Sie können eine praxisnahe Sichtweise in die Forschung einbringen und formulieren, in welchen Bereichen sie Lösungsansätze von der Forschung benötigen, und direkt an deren Entwicklung mitarbeiten. Damit helfen sie, Forschungsprojekte so umzusetzen, dass ihre Ergebnisse tatsächlich einen praktischen Nutzen entfalten.» Das soll verhindern, dass Forschungsteams ins Leere forschen oder die entwickelten Innovationen in der Praxis verpuffen.
Verbindliche Vorgaben
Die Erfahrungen haben gezeigt, dass transdisziplinäres Arbeiten für Forschende eine Herausforderung darstellt. Deshalb hat das BFE für Sweeter die Vorgaben bei Ausschreibung, Evaluation und Monitoring nun in Zusammenarbeit mit dem td-net konsequent transdisziplinär aufgegleist. Die transdisziplinäre Ausrichtung der Forschungskonsortien wird klar und systematisch eingefordert. Praxispartner sollen vermehrt als feste Mitglieder im Konsortium mitarbeiten und damit auch Fördermittel erhalten. Konsortien, die eingeladen werden, ein eigentliches Fördergesuch zu erarbeiten, erhalten für dessen Ausarbeitung rund drei Monate Zeit und 25'000 Fr. Unterstützung. In der Zeit sollen sich die akademische und die nichtakademische Seite des Forschungskonsortiums kennenlernen und ein gemeinsames Verständnis für das Forschungsthema entwickeln können. Mitarbeitende des td-net unterstützen die Konsortien in der zweiten Phase der Bewerbung auf Wunsch.
«Wir haben das Grundanliegen der transdisziplinären Forschung Schritt für Schritt in unsere Arbeit aufgenommen und damit eine Basis geschaffen, damit die Zusammenarbeit der akademischen mit der nichtakademischen Welt besser funktioniert», sagt Andreas Haselbacher, der für die Entwicklung des Sweet-Programms verantwortlich ist. Anstrengungen in Richtung Transdisziplinarität unternimmt beispielsweise seit Ende 2023 das Sweet-Konsortium reFuel.ch unter der Koordination der Empa, die traditionell praxisorientiert ist. Für die Erforschung nachhaltiger Treibstoffe hat das Konsortium eine Reihe Industrieunternehmen beigezogen.
«Förderinstrumente konsequent transdisziplinär auszurichten, ist eine grosse Herausforderung, und daher ist die enge Zusammenarbeit mit den Spezialistinnen und Spezialisten des td-net sehr wertvoll», sagt WTT-Expertin Annina Fäs. Die Ergebnisse dürften auch bei anderen Fördereinrichtungen Interesse wecken.
Beitrag von: Benedikt Vogel, im Auftrag des BFE
Bildquelle: Empa