«Der Nutzen einer Mitgliedschaft muss wieder stärker spürbar werden»
Seit Anfang des Jahres führt Pascal Gurtner die Geschäftsstelle von Swiss Engineering. Im Interview erklärt der neue Geschäftsführer, wie der Verband sein Profil schärfen kann – und welche Rolle Netzwerke, Kommunikation und neue Angebote künftig spielen sollen.
Pascal, du bist seit gut drei Monaten im Amt – die berühmten ersten hundert Tage. Wie siehst du den Verband nach dieser ersten Zeit?
Ich sehe eine Organisation mit enorm viel Potenzial. Es gibt sehr viele engagierte Menschen und spannende Geschichten. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass im Verband sehr viel Gutes passiert, aber nicht immer laut genug darüber gesprochen wird. Ein wichtiger Punkt wird deshalb sein, diese Geschichten sichtbarer zu machen und den Mehrwert für Mitglieder klarer zu kommunizieren.
Ist Swiss Engineering also inhaltlich gut aufgestellt, trägt das aber zu wenig nach aussen?
Ich denke, es gibt sowohl inhaltlich als auch kommunikativ Optimierungspotenzial. Entscheidend ist, dass wir stärker zeigen, was im Verband passiert und welchen Nutzen das für unsere Mitglieder hat. Diese Geschichten müssen wir besser aufbereiten – für bestehende Mitglieder, aber auch für Menschen, die wir neu für den Verband gewinnen möchten.
Was würdest du jemandem sagen, der dich fragt: Warum soll ich Mitglied bei Swiss Engineering werden?
Ich würde die Frage zuerst umdrehen: Welche Bedürfnisse hast du als Ingenieur oder Ingenieurin im Berufsalltag? Wenn wir mit jungen Leuten sprechen, hören wir immer wieder ähnliche Themen: Einstieg ins Berufsleben, Karriereentwicklung, Weiterbildung oder berufliche Orientierung. Hier kann ein Verband viel bieten: Zugang zu Unternehmen, ein Netzwerk von Menschen mit Erfahrung sowie Mentoring durch Mitglieder, die diesen Weg bereits gegangen sind.
Trotzdem sind die Mitgliederzahlen seit Jahren rückläufig. Wie wollt ihr diesen Trend umkehren?
Zuerst müssen wir verstehen, warum das so ist. Historisch hatte der Verband mit seiner eigenen Krankenkasse eine sehr starke Value Proposition. Das hat über viele Jahre hohe Mitgliederzahlen gebracht. Eine Gesetzesänderung hat dieses Modell beendet. Seither hat man sich stark darauf konzentriert, das Bestehende zu verwalten. Jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir die Zukunft des Verbands aktiv gestalten müssen.
Viele Berufsverbände kämpfen mit ähnlichen Problemen. Hat die Bedeutung von Netzwerken generell abgenommen?
Ich glaube nicht, dass Netzwerke an Bedeutung verloren haben. Aber sie funktionieren heute anders. Über Plattformen wie LinkedIn kann jeder sein Netzwerk aufbauen. Der Unterschied liegt in der Qualität. Bei Swiss Engineering wissen wir genau, wer unsere Mitglieder sind – etwa durch den Nachweis ihres Diploms. Diese Verlässlichkeit ist ein Qualitätsmerkmal, das viele andere Netzwerke nicht bieten können. Für Unternehmen, die gezielt Ingenieurinnen und Ingenieure ansprechen wollen, ist das ein wichtiger Vorteil.
Sollte Swiss Engineering sich stärker in gesellschaftlichen oder politischen Debatten engagieren?
Dort, wo der Ingenieurberuf betroffen ist, sollten wir uns im Interesse unserer Mitglieder positionieren. In diesem Sinne kann Swiss Engineering durchaus eine Stimme der Ingenieurinnen und Ingenieure sein.
Ein aktuelles Beispiel ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Sie wird unsere Welt in den kommenden Jahrzehnten stark verändern und auch das Berufsbild der Ingenieure beeinflussen. Wenn es darum geht, Rahmenbedingungen zu definieren, sollten wir uns in diese Diskussion einbringen.
Warum hast du dich entschieden, Geschäftsführer von Swiss Engineering zu werden?
Weil es mir Freude macht, Dinge neu zu gestalten. Die Möglichkeiten dafür sind hier gross – und ich habe den Eindruck, dass Veränderungen im Verband auch gewünscht sind. Diese Offenheit ist eine gute Voraussetzung, um wirklich etwas zu bewegen. Genau das hat mich an dieser Aufgabe gereizt.
Wo setzt du konkret die Schwerpunkte deiner Arbeit?
Der Nutzen einer Mitgliedschaft muss wieder stärker spürbar werden. Teilweise müssen wir Angebote weiterentwickeln, teilweise aber auch einfach besser kommunizieren, was bereits existiert. Dabei müssen wir stärker zwischen verschiedenen Zielgruppen unterscheiden. Studierende haben andere Bedürfnisse als Ingenieurinnen und Ingenieure mit Berufserfahrung. Unsere Kommunikation muss diese Unterschiede stärker berücksichtigen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kommunikation. Unser Magazin ist ein starkes Format mit langer Tradition. Gleichzeitig müssen wir es intelligent mit digitalen Kanälen kombinieren. Und wir wollen stärker mit Partnerorganisationen zusammenarbeiten. Viele stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Durch mehr Kollaboration können wir Innovation fördern und gemeinsam stärker werden.
Du bist Betriebsökonom und kein Ingenieur. Wie beeinflusst das deine Herangehensweise?
Ich sehe das eher als Vorteil. Ich interessiere mich stark für Technologie und technische Themen, auch wenn ich natürlich kein Ingenieur bin. Gleichzeitig bringe ich Erfahrung aus der Unternehmensentwicklung und aus dem Innovationsmanagement mit. Ich habe neue Geschäftsmodelle entwickelt, Start-ups gegründet und Unternehmer beim Aufbau neuer Unternehmen begleitet. Dieses Entwickeln und Umsetzen neuer Ideen ist genau das, was mich antreibt – und ich glaube, dass der Verband in dieser Phase genau das braucht.
Woran möchtest du den Erfolg deiner Arbeit in einigen Jahren messen lassen?
Es gibt harte und weiche Faktoren. Bei den harten Faktoren müssen natürlich die Zahlen stimmen. Wir setzen uns ambitionierte Ziele und müssen auch unser Geschäftsmodell weiterentwickeln, denn allein mit Mitgliederbeiträgen wird sich der Verband langfristig nicht tragen.
Bei den weichen Faktoren wünsche ich mir, dass die Community von Swiss Engineering wieder stärker zusammenrückt. Die Sektionen und Fachgruppen sind eigenständige Vereine. Ich möchte, dass sie sich dem Zentralverband wieder näher verbunden fühlen – und umgekehrt.
Was hat dich besonders überrascht oder beeindruckt, seit du im Amt bist?
Der Verband funktioniert stark über ein Milizsystem. Viele Menschen engagieren sich neben ihrem Beruf in den Sektionen und Fachgruppen, organisieren Veranstaltungen und schaffen so Mehrwert für die Mitglieder. Vor diesem Engagement habe ich grossen Respekt. Diese Community ist eine grosse Stärke von Swiss Engineering – und mit dieser Energie können wir sehr viel bewegen.
Beitrag von: Hendrik Thielemann
Bildquelle: Hendrik Thielemann