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New Space beginnt nach dem Raketenstart

Die entscheidende wirtschaftliche Chance von New Space liegt nicht im Bau weiterer Raketen und Satelliten. Sie liegt in ihrer Nutzung. Für die Schweiz öffnet sich ein Markt, der viel grösser ist als die klassische Raumfahrtindustrie.

Das Starlab Space Station System beruht auf dem Konzept vollassemblierter Starts mit dem Space X Starship ohne Montagearbeiten im Orbit, Serienfertigung und einer Nutzungsdauer von 30 Jahren. | © CSA
Das Starlab Space Station System beruht auf dem Konzept vollassemblierter Starts mit dem Space X Starship ohne Montagearbeiten im Orbit, Serienfertigung und einer Nutzungsdauer von 30 Jahren.

Mit dem Ende der Internationalen Raumstation (ISS) beim Übergang in das neue Jahrzehnt wird der erdnahe Orbit privatisiert. Hochinnovative Raumfahrtunternehmen treiben die Nutzung des erdnahen Orbits voran, bei dramatisch fallenden Transport- und Betriebskosten. Die reine Forschungsstation ISS wird durch eine Flotte von privaten Stationen abgelöst, in denen Produktion möglich ist. Space X testete am 23. Juni 2026 erfolgreich ein serienfertigungsfähiges Cargo-Rückkehrvehikel für orbital hergestellte Produkte.

 

New Space wird heute immer noch aus der Perspektive der etablierten Raumfahrtindustrie betrachtet: Satellitenstrukturen, Nutzlastverkleidungen oder andere Raumflugkomponenten. Diese Wirtschaftszweige sind wichtig. Sie erfassen jedoch nur den kleineren Teil des bevorstehenden wirtschaftlichen Umbruchs. New Space bedeutet nicht in erster Linie, Raumflugkomponenten herzustellen, New Space bedeutet, den Weltraum wirtschaftlich zu nutzen. Raketen sind dabei Transportmittel. Raumstationen sind Infrastruktur. Der eigentliche Markt entsteht durch das, was Unternehmen auf diesen Plattformen tun: forschen, testen, produzieren, Daten verarbeiten, Arzneimittel, Materialien und biomedizinische Produkte herstellen. Die kommenden Raumstationen sind Industrieparks. Grundsätzlich wie auf der Erde, jedoch unter den besonderen Bedingungen des Weltraums.

Der Markt ist nicht mehr hypothetisch

Lange wurde bezweifelt, ob private Raumstationen genügend Kunden gewinnen könnten. Im Frühjahr 2026 erwog die NASA deshalb zeitweise, von eigenständigen kommerziellen Stationen abzurücken. Die Anbieter wurden aufgefordert nachzuweisen, dass ausreichend privates Kapital, realistische Zeitpläne und Kunden vorhanden sind. Diesen Nachweis haben sie erbracht. Am 6. Juli veröffentlichte die NASA den Entwurf ihrer Ausschreibung für die nächste Phase kommerzieller Raumstationen. Nach der Prüfung der Industrieangaben kehrte sie zu ihrem ursprünglichen Modell zurück: Sie will künftig Dienstleistungen bei privat entwickelten und betriebenen Stationen einkaufen. Die Industrie habe bedeutendes Kapital mobilisiert, könne weiteres Kapital anziehen und sehe einen tragfähigen Markt, in dem die NASA lediglich ein Kunde unter vielen sei. Es handelt sich hier nicht um eine Prognose einer Beratungsfirma, sondern um die Beschaffungsentscheidung der weltweit erfahrensten Raumfahrtagentur. Sie garantiert nicht, dass jedes heute angekündigte Raumstationsprojekt erfolgreich sein wird, aber sie zeigt, dass der Markt die Schwelle von der blossen Vision zur investierbaren Infrastruktur überschritten hat. Parallel stärkt die NASA mit einem neuen Office of Strategic Capital gezielt die industrielle Basis. Zu den Investitionsfeldern gehören Energieerzeugung und -speicherung, Nukleartechnik, Software und Kommunikation, Spezialmaterialien und biomedizinische Technologien. Die amerikanische Strategie ist damit deutlich: Der Weltraum soll dauerhaft bewirtschaftet werden.

 

Auch China behandelt die kommerzielle Raumfahrt zunehmend als breites industrielles Feld. Ein aktueller Fortune-Beitrag verweist auf mehr als 400 private Raumfahrtunternehmen und beschreibt, wie Firmen aus der Automobil-, Kommunikations- und Digitalwirtschaft Weltrauminfrastruktur in ihre bestehenden Geschäftsmodelle integrieren. Die strategische Richtung ist klar: Die führenden Wirtschaftsräume bereiten sich nicht auf einige zusätzliche Raumfahrtmissionen vor, sondern auf eine neue industrielle Domäne.

Vom Raumfahrzeug zur Produktionsstätte

Auch die Luftfahrtwirtschaft bestand nie hauptsächlich aus dem Bau von Flugzeugen, der volkswirtschaftliche Wert entstand dadurch, dass Menschen und Waren weltweit transportiert werden konnten. Das Internet wurde nicht wegen der Rechenzentren und Glasfaserkabel zu einer der wichtigsten Infrastrukturen der Welt, sondern wegen der Anwendungen, die darauf entstanden. Genau dieser Übergang vollzieht sich nun im erdnahen Orbit. Nachdem wiederverwendbare Trägersysteme die Transportkosten und kommerzielle Raumstationen die Nutzungskosten deutlich gesenkt haben werden, entstehen skalierbare, stetig wachsende orbitale Kapazitäten. Dabei handelt es sich um regulär zugängliche Infrastrukturen für Unternehmen, die selbst keine Raumfahrtunternehmen sind. McKinsey vergleicht den gegenwärtigen Wendepunkt deshalb mit dem Aufstieg der kommerziellen Luftfahrt nach dem Zweiten Weltkrieg und des Internets in den 1990er-Jahren. Der entscheidende Hinweis an Unternehmensleitungen lautet: Der wirtschaftliche Nutzen des Weltraums wird nicht auf klassische Raumfahrtfirmen beschränkt bleiben.

 

Ein Pharmaunternehmen muss keine Raumstation bauen, um Mikrogravitation für die Wirkstoffentwicklung und Produktion zu nutzen. Ein Maschinenbauer muss keine Rakete entwickeln, um einen Bioreaktor für den Orbit zu liefern. Ein Halbleiterunternehmen muss keine Astronautinnen beschäftigen, um neue Kristallisations- oder Beschichtungsverfahren zu erproben und in Schlüsselprozesse der Produktion einzufügen. Es braucht einen verlässlichen Zugang, standardisierte Schnittstellen, qualifizierte Anlagen, sichere Betriebsprozesse und Dienstleister, welche die gesamte Kette von der frühen Testung bis zur Rückführung des Produkts beherrschen. Das ist New Space: Unternehmen werden nicht zu Raumfahrtunternehmen, aber Raumfahrt wird zu einem Werkzeug für viele Unternehmen.

Die Chance der Schweiz

Die Chance der Schweiz liegt dort, wo sie bereits auf der Erde Weltklasse ist: in hochpräzisen Maschinen, automatisierten Produktionssystemen, Bioreaktoren, Pharmazeutik, Medizintechnik, Robotik, Sensorik, Optik, Vakuumtechnik, Werkstoffen, Software, Qualitätssicherung und regulatorisch anspruchsvollen Verfahren. Eine orbitale Fabrik braucht Prozessanlagen, Flüssigkeitssysteme, Pumpen, Ventile, Mikroskope, Inkubatoren, Analyseplattformen, Roboter, digitale Zwillinge und autonome Steuerungen. Sie braucht Verfahren, mit denen Experimente und Produktionschargen vorbereitet, überwacht, dokumentiert und zertifiziert werden. Sie braucht Versicherungen, Finanzierung, Logistik, Recht und Datenmanagement. Der grösste Teil dieser Wertschöpfung findet auf der Erde statt, und ein erheblicher Teil passt zum industriellen Profil der Schweiz.

 

Mit dem geplanten European Hub von Starlab in Dübendorf unter dem Dach des Schweizer Innovationsparks Zürich (SIPZ) und des Centers for Space and Aviation Switzerland and Liechtenstein (CSA) ist die Verbindung zur orbitalen Infrastruktur bereits angelegt. Das Kooperationssystem des CSA und SIPZ soll eine durchgängige Kette von der Entwicklung und Erprobung bis zum Betrieb im Orbit schaffen. Dübendorf kann zum Zugangspunkt werden, über den europäische Unternehmen ihre Maschinen, Prozesse und Produkte in den Orbit und zurück bringen. Die Schweiz sollte New Space deshalb nicht als Unterabteilung der Raumfahrt behandeln, sondern als industriepolitische Chance, die alle Branchen betrifft. Der kommende Wettbewerb in New Space wird nicht zwischen Raketen- und Satellitenherstellern entschieden, sondern zwischen den Wirtschaftsstandorten, die ihre terrestrischen Industrien, Bildung und Wissenschaft am schnellsten mit der orbitalen Infrastruktur verbinden.

 

Die Schweiz verfügt über die wissenschaftliche Qualität, die industriellen Fähigkeiten und das internationale Vertrauen dafür. Ihre grösste Chance im New Space besteht nicht darin, mehr Raumflugkomponenten herzustellen. Sie besteht darin, Verfahren zu entwickeln, mit denen im Weltraum Wert geschaffen wird. Die Rakete ist der Lastwagen, die Raumstation ist die Fabrikhalle. Entscheidend ist, wer darin was produziert.

 

Der Autor
Prof. Dr. Dr. Oliver Ullrich ist Vorstandsvorsitzender des Center for Space and Aviation Switzerland and Liechtenstein (CSA), Direktor des UZH Space Hub und Direktor des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin der Universität Zürich (UZH).

 

Zürich 05.08.2026
Beitrag von: Oliver Ullrich
Bildquelle: CSA

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