«Daten machen den Fussball noch schöner»
Während die Fans bei der Fussball-WM mitfiebern, analysiert ETH‑Professor Ulrik Brandes Spielmuster und Taktiken. Grundlage dafür sind grosse Mengen an Spiel‑ und Positionsdaten.
Millionen Menschen verfolgen die Fussball WM in Kanada, Mexiko und den USA. Sie diskutieren die Leistung ihrer Elf, fachsimpeln über Taktik und Aufstellungen und zittern bei Elfmeterschiessen. Doch vieles, was auf den ersten Blick nach Bauchgefühl und alten Fussballweisheiten klingt, lässt sich heute mit Daten überprüfen.
Ulrik Brandes, Professor für soziale Netzwerke an der ETH Zürich, macht genau das. Er untersucht seit Jahren, wie sich Fussball mit Methoden der Netzwerk- und Datenanalyse besser verstehen lässt. Seine Forschung zur schönsten Nebensache der Welt hilft sogar der Schweizer Nationalmannschaft, sich besser auf ihre Gegner einzustellen. «Fussball wirkt oft unberechenbar und spontan», sagt Brandes. «Aber wenn man sich genügend Daten ansieht, erkennt man auch stabile Muster.»
Taktische Analysen für die Schweizer Nati
Wenn sich das Trainerteam die Nationalmannschaft auf ihre Spiele vorbereitet, versucht es zu verstehen, wie ihre Gegner jenseits statischer Aufstellung tatsächlich spielen. Dabei kommen neben klassischen Videoanalysen auch Methoden von Ulrik Brandes zum Einsatz.
Der ETH-Professor arbeitet seit mehreren Jahren unter anderem mit Trackingdaten aus internationalen Turnieren. Bei den meisten Spielen laufen heute mehrere Kameras, die jede Sekunde aufzeichnen, wo sich alle Spieler und der Ball befinden. Mit diesen Daten bestimmt Brandes für verschiedene Spielsituationen, wie sich die Positionen der Spieler relativ zu ihrer Mannschaft verändern.
Dadurch entsteht ein dynamisches Bild der taktischen Formation. Im modernen Fussball ist dieser dynamische Blick auf den Spielverlauf entscheidend, da die Positionen der Spieler viel flexibler sind als früher: Sie tauschen öfter Rollen, wechseln die Seiten und verhalten sich mit und ohne Ball unterschiedlich. Statische Taktikgrafiken, wie man sie aus zahlreichen Halbzeitanalysen kennt, greifen hier zu kurz.
Spielmuster schnell sichtbar machen
«Wir versuchen mit unseren Methoden vor und während der WM taktische Eigenheiten und Spielmuster sichtbar zu machen, die aus der im Fernsehen gezeigten Aufstellung nicht ersichtlich sind», sagt Brandes. So könnte durch Brandes Analysen zum Beispiel erkennbar werden, dass der linke Aussenverteidiger des Gegners viel offensiver spielt als der rechte, ein Mittelstürmer sich sehr weit nach hinten fallen lässt, oder welcher defensive Mittelfeldspieler den Spielaufbau vorantreibt und für ein Pressing anfällig wäre. Daraus können die Trainer der Schweizer Nationalmannschaft ableiten, wo der Gegner allenfalls Schwächen hat und angreifbar ist.
Brandes betont aber, dass er nur die Daten aufbereitet und keine taktischen Empfehlungen abgibt. Die Entscheidung, welche Schlüsse aus den Analysen zu ziehen sind, liegt ausschliesslich beim Trainerteam der Nati. Doch gerade bei einer WM, wo man nach der Gruppenphase kaum Zeit hat, alle potenziellen Gegner ausgiebig mittels klassischer Videoanalysen zu durchleuchten, sind die Analysen des ETH-Forschers ein Vorteil, da sie viel schneller durchführbar sind.
Warum nur drei von vier Bällen beim Elfmeterschiessen im Tor landen
Doch Brandes untersucht nicht nur die taktischen Muster von Teams. Er hat sich auch wissenschaftlich mit Elfmeterschiessen beschäftigt. Diese gelten als ultimative Nervenprobe und entscheiden oft über Titel und Karrieren – so auch der an WM in Kanada, den USA und Mexiko.
Doch was unterscheidet Elfmeterschiessen eigentlich von Penaltys während des Spiels? Und stimmt die oft gehörte Fussballweissheit, dass das Team, das beginnt, einen Vorteil hat? Dies können Brandes und seine Mitautoren nach einer Analyse von fast 2000 Elfmeterschiessen nicht bestätigen. «Die Statistik widerspricht der Behauptung, dass das Team, das beginnt, häufiger gewinnt», erklärt Brandes.
Die gleiche Studie zeigt noch ein anderes eindeutiges Resultat: Während im Spiel rund vier von fünf Penaltys im Tor landen, sind es während eines Elfmeterschiessens nur drei von vier. Der entscheidende Unterschied liegt nicht bei den Torhütern: «Wir sehen vor allem mehr Fehlschüsse. Selbst Spieler, die sonst sehr zuverlässig sind, treffen im Elfmeterschiessen seltener», sagt Brandes. Offenbar wirkt sich zusätzliche Druck direkt auf die Trefferquote aus.
Wie sicher eine 2:0-Führung wirklich ist
Eine 2:0-Führung kann sich komfortabel anfühlen. Gleichzeitig warnen Kommentatorinnen und Kommentatoren regelmässig davor, dass sich Mannschaften mit einer 2:0-Führung in falscher Sicherheit wähnen und dies ihren Sieg gefährden kann.
Auch dieser Fussballweisheit ist ETH-Professor Brandes auf den Grund gegangen. Für eine Studie hat er knapp 100’000 Spiele aus zehn europäischen Ligen seit 1990 untersucht. Im Fokus stand nicht das Endresultat, sondern die Phase direkt nach dem zweiten Tor.
Die Auswertung zeigt: Teams gewinnen nach einem 2:0 zwar meistens, kassieren aber häufiger ein Gegentor als nach einer Ein‑Tore‑Führung oder einem Ausgleich. Besonders in den ersten zwanzig Minuten nach einem 2:0 steigt das Risiko ein Anschlusstor zu kassieren leicht an.
«Das heisst natürlich nicht, dass ein 2:0 schlecht ist. Aber offenbar ändert sich etwas im Spielverhalten, und genau diese Phase ist anfälliger für Gegentore», erklärt Brandes. Fazit: Die bekannte Fussballweisheit hat zwar einen realen Kern – allerdings einen weniger dramatischen als viele Kommentare vermuten liessen.
Gibt es noch Unberechenbarkeiten im Fussball?
So umfangreich und komplex Daten und Analysemodelle heute auch sein mögen, bleiben Glück und Zufall entscheidende Bestandteile des Spiels. Ein abgefälschter Ball, ein impulsives Foul oder ein verschossener Elfmeter können weiterhin zwischen Sieg und Niederlage entscheiden.
«Daten helfen, Zusammenhänge besser zu erkennen. Sie nehmen dem Fussball nicht seine Spannung, sondern machen ihn noch schöner», sagt Brandes. Und genau darin liegt die Faszination einer Weltmeisterschaft. Ausgefeilte Methoden wie jene des ETH-Professors mögen zwar wichtige Spielmuster und taktische Feinheiten offenlegen. Doch was am Ende passiert, bleibt nicht vorhersehbar – bis zum Schlusspfiff nicht.
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