Verkehr ’45: Swiss Engineering fordert mehr Technologie vor reinem Betonausbau
Swiss Engineering begrüsst den verkehrsträgerübergreifenden Ansatz des Bundesrats in der Vorlage «Verkehr ’45». Aus Sicht des Berufsverbands der Ingenieur:innen und Architekt:innen greift der Entwurf jedoch zu kurz. Der Verband fordert, den Substanzerhalt aller Verkehrsinfrastrukturen einzubeziehen, intelligente Mobilitätstechnologien konsequenter zu nutzen und die Priorisierung der Projekte transparenter zu machen.
Mit «Verkehr ’45» will der Bundesrat die Ausbauplanung von Strasse, Schiene und Agglomerationsverkehr erstmals in einer gemeinsamen Vorlage bündeln. Swiss Engineering begrüsst diesen Ansatz und bezeichnet die verkehrsträgerübergreifende Planung als «dringende Notwendigkeit». Gleichzeitig fordert der Verband in seiner Vernehmlassungsantwort Swiss Engineering, vor einem Ausbau der physischen Infrastruktur konsequent zu prüfen, ob sich bestehende Kapazitäten mit technologischen und organisatorischen Massnahmen besser nutzen lassen.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft den Substanzerhalt der Bahninfrastruktur. Während bei den Nationalstrassen Ausbau, Betrieb und Unterhalt gemeinsam betrachtet werden, umfasst die Vorlage bei der Bahn nur den Ausbau. Die Finanzierung von Betrieb und Substanzerhalt für die Jahre 2029 bis 2032 soll der Bundesversammlung separat vorgelegt werden. Swiss Engineering sieht darin eine Schwäche: Da der Substanzerhalt gesetzlich Vorrang vor dem Ausbau geniesst und in den kommenden Jahren mit steigenden Aufwendungen zu rechnen sei, müssten diese Kosten transparent ausgewiesen werden, bevor zusätzliche Ausbauprojekte beschlossen werden.
Neue Technologien stärker berücksichtigen
Zu kurz kommt aus Sicht von Swiss Engineering auch die technologische Entwicklung. Die Vorlage orientiert sich stark an den heutigen technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Möglichkeiten wie autonomes Fahren oder Mobility Pricing werden zu wenig berücksichtigt. Der Verband fordert deshalb, nicht allein mit zusätzlicher Infrastruktur auf künftige Verkehrsprobleme zu reagieren.
Grundsätzlich begrüsst Swiss Engineering dagegen die neue Priorisierung beim Bahnausbau und die stärkere Ausrichtung auf «strukturgebende Schlüsselprojekte». Kritisch beurteilt der Verband allerdings den geplanten Grimseltunnel. Angesichts knapper Mittel im Bahninfrastrukturfonds stellt Swiss Engineering dessen Priorität infrage. Auch die veranschlagten Kosten von 800 Millionen Franken hält der Verband für sehr optimistisch und warnt vor dem Risiko späterer Nachtragskredite.
Zustimmung zu den Autobahnprojekten 2027
Beim Nationalstrassenausbau unterstützt Swiss Engineering die beiden für den Ausbauschritt 2027 vorgesehenen Projekte auf der A1 zwischen Aarau-Ost und Birrfeld sowie zwischen Perly und Bernex. Der Bundesrat will damit zwei stark belastete Abschnitte auf sechs Fahrstreifen erweitern.
Vorbehalte gibt es dagegen bei weiteren Projekten. Swiss Engineering vermisst eine nachvollziehbare Prüfung, ob einzelne der 2024 vom Stimmvolk abgelehnten Vorhaben redimensioniert und somit mehrheitsfähiger gestaltet werden könnten. Als Beispiel nennt der Verband die dritte Röhre des Rosenbergtunnels in St. Gallen. Diese weist keinen zwingenden technischen Zusammenhang zum Zubringer Güterbahnhof auf. Auch bei einzelnen Ortsumfahrungen mit Kosten von rund einer Milliarde Franken stellt Swiss Engineering das Kosten-Nutzen-Verhältnis infrage.
Für eine Vorlage mit Ausgaben im zweistelligen Milliardenbereich fordert Swiss Engineering vom Bundesrat belastbare Kriterien und das Schliessen der Begründungslücken im Erläuterungsbericht. Echter «ingenieurtechnischer Realismus» bedeutet heute: nachhaltiger Substanzerhalt bestehender Netze, konsequente Nutzung digitaler Technologien und Kostenwahrheit für Neubauentscheide.
Beitrag von: Hendrik Thielemann, Swiss Engineering STV
Bildquelle: Swiss Engineering