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New Space: «Gut genug» statt «Haute Couture»

An den Tagen der Technik in Dübendorf und Lausanne diskutierten Experten die Chancen und Herausforderungen, die die Kommerzialisierung der Raumfahrt bringt.

Die Schweiz ist eine Raumfahrtnation – auch wenn das ausserhalb der Branche wenig bekannt ist. An den Tagen der Technik am 22. September in Lausanne und am 24. September in Dübendorf wurde deutlich, welchen Beitrag Schweizer Unternehmen und Forschungsinstitutionen zur internationalen Raumfahrt leisten.

 

Im Mittelpunkt der Vorträge der hochkarätigen Referentinnen und Referenten aus Industrie, Wissenschaft und Behörden stand dabei der Wandel zum New Space, also zu einer stärker von privatem Unternehmertum und kommerziell tragfähigen Geschäftsmodellen geprägten Branche, die alltägliche Dienstleistungen anbietet. Die weltweite Weltraumwirtschaft erreichte 2025 ein Volumen von rund 626 Milliarden Dollar und wird Schätzungen zufolge bis 2034 auf etwa eine Billion Dollar wachsen.

 

«Was passiert, wenn der Zugang zum Weltraum viel günstiger wird?» Dieser Frage ging David Blum aus der Raumfahrtabteilung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation in seinem Vortrag in Dübendorf nach. Sinkende Kosten, so Blum, führten zu einer Industrialisierung der Weltraumbranche mit neuen Geschäftsmodellen. Als Beispiel nannte er Satellitenkonstellationen für die Telekommunikation, die aus tausenden von Einzelsatelliten bestehen. Statt weniger grosser, langlebiger – und teurer – Satelliten werden zunehmend kleinere Systeme in hohen Stückzahlen gefertigt.

 

«Haute Couture» sei deshalb im Satellitenbau immer seltener gefragt, so Blum. Die Satelliten müssten nur noch «gut genug» sein. Dieser Trend bringe zwar Wachstum, bedeute aber gleichzeitig auch mehr Wettbewerbsdruck für die etablierten Player der Branche: «Sie müssen sich neu positionieren.»

 

Wie sich das grösste Schweizer Raumfahrtunternehmen im kommerziellen Raumfahrtmarkt neu positioniert, zeigte Boris Ulrich Halter von Beyond Gravity: mit standardisierten Komponenten und automatisierten Fertigungsverfahren. Als Beispiele nannte Halter Ausrichtmechanismen für Solargeneratoren von Beyond Gravity, die in den USA sehr gefragt sind, und Strukturen für die OneWeb-Kommunikationssatelliten, von denen das Zürcher Raumfahrtunternehmen bereits mehr als 750 geliefert hat.

 

Bereits zwei Tage zuvor hatten Experten bei den Journées de la Technique in Lausanne diskutiert, welche Chancen und Herausforderungen New Space für die Schweizer Raumfahrtakteure bringt: Grégoire Bourban, Direktor von Space Exchange Switzerland, verwies auf das vorhandene, leistungsfähige Schweizer Raumfahrt-Ökosystem mit exzellenter Forschung sowie etablierten Industrieunternehmen und ambitionierten Start-ups. Der Schlüssel zum Erfolg, so Bourban, liege in kurzen und effizienten Brücken zwischen Forschung und Industrie, mit denen Innovation in kommerziellen Erfolg überführt werden könne.

 

Old und New Space gehören zusammen

Die Referenten relativierten die Trennung zwischen Old und New Space und verwiesen auf die grosse Bedeutung, welche die Mitgliedschaft der Schweiz in der Europäischen Raumfahrtagentur ESA für die Branche habe. Sie ermögliche den Schweizer Akteuren den Zugang zu Missionen und zu einem wesentlich grösseren europäischen und internationalen Markt, erklärte Grégoire Bourban. «Start-ups bringen neue Dynamik in dieses Ökosystem», so Bourban. Dabei profitierten sie jedoch von der jahrzehntelangen Erfahrung und Glaubwürdigkeit der etablierten Schweizer Raumfahrtindustrie. «Das eine funktioniert nicht ohne das andere.»

 

Das sah der Präsident der Swiss Space Industries Group, Didier Manzoni, ähnlich. «Die Schweizer Raumfahrtindustrie besteht nicht nur aus Start-ups. Entscheidend ist das Zusammenspiel von etablierten Unternehmen, KMU, Hochschulen und neuen Akteuren», lautete die Kernbotschaft des Apco-Raumfahrtchefs Manzoni. Innovation komme nicht nur von Start-ups. Auch etablierte Unternehmen investierten stark in Forschung und Entwicklung. «Beide Welten ergänzen sich», so Manzoni.

 

Claude Nicollier mahnt zu mehr Unabhängigkeit

Ein besonderes Highlight der Veranstaltung in Lausanne war der Vortrag von Claude Nicollier, des bisher einzigen Schweizers im Weltall. Nicollier zeigte die Perspektiven der europäischen bemannten Raumfahrt bis zum Ende der ISS und danach auf. In Zukunft, so Nicollier, dürften kürzere Raumflüge an die Stelle der Langzeitmissionen zur ISS treten. Im Rahmen solcher Missionen kann auch der nächste Schweizer ESA-Astronaut, Marco Sieber, auf einen Einsatz im Weltall hoffen.

 

Eine weitere zentrale Botschaft des Raumfahrt-Veteranen Nicollier: Europa sollte langfristig eine grössere Autonomie in der bemannten Raumfahrt erreichen und die gegenwärtige Abhängigkeit von nicht-europäischen Staaten beim Transport von Astronauten in den erdnahen Orbit verringern.

28.09.2026
Beitrag von: Roland J. Keller / Hendrik Thielemann
Bildquelle: A. Mutti / R. Keller / H. Thielemann

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