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Die Schweiz auf grosser Mission

Die Schweiz hat keine eigene Trägerrakete und schon gar kein eigenes bemanntes Raumfahrtprogramm. Trotzdem nimmt sie einen festen Platz in der institutionellen Raumfahrt ein. Ihre Stärke: präzise und zuverlässige Ingenieurleistungen, die grosse europäische und internationale Missionen erst möglich machen.

Blick auf die Erde während der Mission Artemis I am 24. November 2022. Die Mechanismen, die die Solarpaneele des europäischen Orion-Moduls ausrichten, stammen von Beyond Gravity. | © ESA/NASA
Blick auf die Erde während der Mission Artemis I am 24. November 2022. Die Mechanismen, die die Solarpaneele des europäischen Orion-Moduls ausrichten, stammen von Beyond Gravity.

Im Kennedy Space Center beginnt der Weg zum Mond nur selten mit spektakulären Bildern. Lange bevor die Triebwerke gezündet werden, bestimmen Zutrittsausweise, Sicherheitskontrollen, Checklisten, Wetterbriefings, Prozesse und immer wieder unterbrochene Tests den Alltag. Bei Projekten wie Artemis II gilt eine Grundregel: Den Start zu verschieben bedeutet nicht zu scheitern, sondern im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen.

 

Ein Wasserstoffleck, ein klemmendes Ventil oder ein instabiles Sensorsignal reichen aus, um einen Countdown abzubrechen. In diesem Umfeld hat sich die Schweiz ihren Platz erarbeitet. 

Raumfahrtnation ohne Rakete

Die Schweiz ist eine Raumfahrtnation ohne eigene Trägerrakete. Dieses Paradox beschreibt eine Strategie, die sie seit Jahrzehnten verfolgt: internationale Zusammenarbeit, technologische Nischen und industrielle Kontinuität statt demonstrativer Unabhängigkeit.

 

Im staatlich finanzierten institutionellen Raumfahrtsektor, häufig als «Old Space» bezeichnet, zählt genau dieser Ansatz. Wissenschaftsmissionen, Erdbeobachtungssatelliten, Trägerraketen oder bemannte Raumfahrzeuge beruhen auf einer hochkomplexen Kette spezialisierter Kompetenzen. Gerade in diesen Bereichen haben sich Schweizer Industrie und Forschung einen hervorragenden Ruf erarbeitet. «Old Space» bedeutet dabei nicht zwangsläufig «veraltete Raumfahrt». Der Begriff steht für jahrzehntelange Erfahrung, anspruchsvolle Qualifikationsverfahren, lückenlose Dokumentation und kompromisslose Rückverfolgbarkeit. Während «New Space» für Geschwindigkeit, Disruption und neue Geschäftsmodelle steht, verkörpert «Old Space» langfristiges Denken und technische Verantwortung.

 

Diese Kultur knüpft unmittelbar an Schweizer Stärken an: Mikrotechnik, Präzisionsmechanik, Werkstofftechnik, Elektronik, Sensorik, Embedded Software und Qualitätsmanagement. Die Raumfahrt bildet dabei keine eigene Welt. Sie stellt lediglich die höchsten Anforderungen an Kompetenzen, die bereits tief in der Schweizer Industrie verankert sind.

Zuverlässigkeit als Markenzeichen

Zu den bekanntesten Unternehmen gehört Beyond Gravity, das Nutzlastverkleidungen, Strukturen und Mechanismen entwickelt. Das Schweizer Raumfahrtökosystem reicht jedoch weit darüber hinaus. Es umfasst Hochschulen, Forschungsinstitute, hoch spezialisierte KMU und Unternehmen, die ihre Technologien erfolgreich für den Einsatz im Orbit weiterentwickeln. Dabei ist die Grösse eines Landes weit weniger entscheidend als seine Fähigkeit, präzise, qualifizierte und vollständig dokumentierte Lösungen zu liefern.

 

Die Öffentlichkeit nimmt häufig nur wahr, wenn sich ein Starttermin verschiebt. Ingenieurinnen und Ingenieure sehen darin hingegen ein rechtzeitig erkanntes Risiko. Es ist besser, ein Startfenster zu verpassen, als eine Mission zu gefährden. Diese Vorsicht lässt sich schwer vermarkten, bildet aber das Fundament aller sicherheitskritischen Raumfahrtprogramme.

Souveränität durch Kompetenz

Die Raumfahrt ist nicht mehr ausschliesslich ein wissenschaftliches Betätigungsfeld. Sie dient heute der Souveränität, Sicherheit, Kommunikation, Navigation, Klimaforschung und industriellen Unabhängigkeit. Europa arbeitet daran, seinen eigenen Zugang zum Weltraum zu sichern, seine Infrastruktur auszubauen und im Wettbewerb mit den USA, China und privaten Raumfahrtunternehmen konkurrenzfähig zu bleiben.

 

Für die Schweiz eröffnet diese Entwicklung neue Möglichkeiten. Sie wird keine vollständige Raumfahrtarchitektur im Alleingang aufbauen. Sie kann jedoch ihre Rolle in europäischen Programmen stärken, ihre industrielle Basis fördern, Ingenieurinnen und Ingenieure ausbilden und jene hohen Qualitätsstandards bewahren, die sie zu einem gefragten Partner machen. Souveränität zeigt sich dabei nicht in einer Flagge auf einer Rakete. Sie beruht auf der Beherrschung von Schlüsseltechnologien, dem Erhalt von Know-how, der Mitgestaltung europäischer Programme und dem Zugang Schweizer Unternehmen zu Ausschreibungen der ESA.

Hinter den grossen Missionen

Claude Nicollier gab der Schweiz einst ein Gesicht in der bemannten Raumfahrt. Mit der Aufnahme von Marco Sieber in das europäische Astronautenkorps beginnt nun ein neues Kapitel. Die Botschaft bleibt dieselbe: Auch ein kleines Land kann einen wichtigen Beitrag zur bemannten Raumfahrt leisten.

 

Doch diese sichtbare Seite erzählt nur einen Teil der Geschichte. Der eigentliche Beitrag entsteht fernab der Kameras – in Laboratorien, Entwicklungsabteilungen, Reinräumen, Werkstätten und Qualitätssicherungsabteilungen. Dort, wo Tests unzählige Male wiederholt und Systeme akribisch validiert werden, entsteht der Ruf der Schweizer Raumfahrtindustrie.

 

Am Startplatz 39B steht das Space Launch System. Der Name der Schweiz prangt nicht in grossen Buchstaben auf der Rakete. Das ist nicht ihre Rolle. Ihr Beitrag findet sich in den Programmen der ESA, in ihren Industrieunternehmen, an ihren Hochschulen und in Technologien, die Teil weit grösserer Systeme sind. Die Raumfahrt verändert sich rasant. Satellitenkonstellationen, private Trägerraketen und neue Dienstleistungen prägen den Sektor. Doch auch künftig werden grosse Raumfahrtmissionen auf Robustheit, Qualifikation und technisches Vertrauen angewiesen sein. Genau darin liegt auch die Zukunft der Schweizer Raumfahrt.

 

Schweizer Raumfahrt im Mittelpunkt der Tage der Technik 2026
Die Tage der Technik 2026 am 22. September in Lausanne und am 24. September in Dübendorf geben einen fundierten Überblick über die Schweizer Raumfahrt – von der historischen Rolle bis zu den aktuellen technologischen und wirtschaftlichen Perspektiven im New-Space-Zeitalter. Vertreter aus Behörden, Wissenschaft und Industrie zeigen, wo die Schweiz heute steht und welche Chancen sich für Technik, Wirtschaft und Gesellschaft eröffnen.


Infos und Anmeldung unter www.tage-der-technik.ch.

 

Zürich 05.08.2026
Beitrag von: Roland J. Keller
Bildquelle: ESA/NASA

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