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«Jetzt wäre es noch möglich neue Anlagen rechtzeitig zu bauen»

ETH-Professorin und Kerntechnikerin Annalisa Manera spricht im Interview darüber, welche Rolle die Kernkraft für die Energiezukunft der Schweiz spielen könnte.

Annalisa Manera ist Professorin an der ETH Zürich und Nuklearforscherin am Paul-Scherrer-Institut. | © PSI/M. Dzambegovic
Annalisa Manera ist Professorin an der ETH Zürich und Nuklearforscherin am Paul-Scherrer-Institut.

Annalisa Manera, der Energieversorger Axpo hat in seinen Energy Reports Szenarien für die Stromzukunft der Schweiz untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass es kostengünstiger wäre, die Kernenergie weiter zu nutzen und sogar auszubauen. Überrascht Sie das?
Überhaupt nicht. Eine Studie des Paul-Scherrer-Instituts kommt zum gleichen Resultat. Wenn man steuerbare Energiequellen wie Gas, Kernenergie und Wasserkraft mit wetterabhängigen Energiequellen vergleicht, muss man die Systemkosten anschauen. Und die umfassen auch den Ausbau des Stromnetzes, Backup, Speicherung und Netzausgleich, weil man die fluktuierenden Stromquellen ausgleichen muss. Wenn man diese Kosten dazurechnet, ist ein Energieszenario nur mit erneuerbaren Energien nicht mehr das günstigste. Man braucht einen balancierten Mix.

Welche Rolle könnte die Kernenergie in einem solchen balancierten Mix spielen?
In der Schweiz stellt sich die Frage, wie man die bestehenden Kernkraftwerke ersetzt. Leibstadt und Gösgen liefern zusammen etwa 17 Terawattstunden pro Jahr und werden um 2050 vom Netz gehen. Diese Leistung muss ersetzt werden. Das geht nicht allein mit Dachflächen-Photovoltaik. Ob mit oder ohne Kernkraftwerke, wir brauchen einen starken Ausbau von Freiflächen-Photovoltaik und Windkraft. Laut Axpo bräuchten wir auch mit neuen Kernkraftwerken noch fast 500 grosse Windanlagen und 170 grosse Freiflächen-Photovoltaikanlagen wie den Cressier-Park mit seinen 47’000 m² Solarpaneelen. Ohne Kernenergie brauchten wir nicht nur doppelt so viel Windkraft und Freiflächen-Photovoltaik, sondern auch Gaskraftwerke. Die öffentliche Akzeptanz dafür ist nicht besonders hoch.

 

Und ein weiterer Punkt wird oft nicht erwähnt: die Importfähigkeit in Europa. Heute ist Frankreich der grösste Stromexporteur Europas. Es ist jedoch fraglich, ob das nach 2050 so bleibt, weil viele ältere französische Kernkraftwerke ersetzt werden müssen. Wenn Frankreich weniger exportiert, stellt sich die Frage, woher der Strom im Winter kommen soll und zu welchem Preis.

««In der Schweiz stellt sich die Frage, wie man die Kernkraftwerke ersetzt. Das geht nicht allein mit Dachflächen-Photovoltaik.»»

Die Schweiz hat – wie auch andere Länder in Europa – entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen. Haben sich die Grundlagen für diese Entscheidung inzwischen verändert?
Man muss zuerst klarstellen, dass Europa insgesamt nicht aus der Kernenergie aussteigt. Kernenergie ist immer noch die grösste Stromquelle in der EU. Wenn man von einem Ausstieg spricht, dann betrifft das nur wenige Länder: Deutschland, Schweiz, Spanien und Belgien. Jetzt, auch im Zusammenhang mit geopolitischer Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit, wird zunehmend anerkannt, dass diese Entscheidung problematisch war. Belgien hat bereits eine Kehrtwende gemacht und das Verbot für neue Kraftwerke im vergangenen Jahr aufgehoben. In der Schweiz und in Spanien wurde die Laufzeit bestehender Kraftwerke verlängert, und in beiden Ländern wird wieder über Neubauten diskutiert. Gleichzeitig gibt es Länder wie Polen, die neu in die Kernenergie einsteigen.

Welche technologischen Entwicklungen machen die Kernkraft wieder interessanter?
Der wichtigste Fortschritt betrifft die Sicherheit. Neue Kernkraftwerke der Generation III und III+ haben eine grundlegend andere Sicherheitsphilosophie. Auch sehr unwahrscheinliche Störfälle, wie sie zum Beispiel in Fukushima vorkamen, sind heute als integraler Bestandteil im Design berücksichtigt. Das hat zu einer verstärkten Automatisierung geführt, um den menschlichen Faktor zu eliminieren. Es werden zusätzlich passive Sicherheitssysteme integriert. Diese Systeme funktionieren ohne Energiezufuhr und ohne menschliches Eingreifen, nur auf Basis physikalischer Prinzipien. Dies hat zur Beseitigung von Unfallszenarien geführt, die zu Freisetzungen radioaktiver Stoffe führen könnten. Ein weiterer Punkt ist die Flexibilität. Auch ältere Kernkraftwerke konnten bereits im Lastfolgebetrieb arbeiten. Neue Anlagen sind noch flexibler und besser an ein Energiesystem mit hohem Anteil an erneuerbaren Energien angepasst.

Aber das Problem Endlagerung ist nach wie vor nicht gelöst …
Ich sehe das Abfallproblem eher als einen Vorteil der Kernenergie. Ein Kernkraftwerk benötigt sehr wenig Brennstoff. Sechs Gramm Uranbrennstoff liefern ungefähr so viel Energie wie eine Tonne Kohle oder fast 500 Kubikmeter Gas. Das bedeutet, dass am Ende nur eine sehr kleine Menge hoch radioaktiver Abfälle entsteht. In der Schweiz sind das nach sechzig Jahren Betrieb aller Schweizer Kernkraftwerke zusammen etwa 1500 Kubikmeter. Das entspricht dem Volumen von nicht einmal zwei Einfamilienhäusern. Weil die Menge so klein ist, kann man sehr aufwendige und sichere Entsorgungslösungen einsetzen, ohne dass die Stromkosten stark steigen. Wir sprechen von Entsorgungskosten von ungefähr einem Rappen pro Kilowattstunde. Die technische Lösung ist bereits verfügbar.

««Neue Kernkraftwerke haben eine grundlegend andere Sicherheitsphilosophie.»»

Heute sind wir stark von Importen fossiler Energieträger aus dem Ausland abhängig. Wenn wir stattdessen Uran importieren, wären wir ebenso abhängig …
Die Schweiz importiert heute Brennstoffe im Wert von über 20 Milliarden Franken pro Jahr. Uran macht weniger als ein Prozent dieser Importe aus, liefert aber über 30 Prozent des Stroms. Die benötigten Uranmengen sind sehr klein, sodass man problemlos Vorräte für viele Jahre lagern könnte. Für ein Jahr Stromproduktion mit einem grossen Kernkraftwerk wie Leibstadt mit 9,7 TWh/Jahr bräuchten wir nur das Volumen einer Garage für ein Auto.

 

Zudem ist die Lieferkette stark diversifiziert. Die natürlichen Uranvorkommen sind über mehrere Länder weltweit verteilt, wobei die grössten Vorkommen in Australien, Kasachstan und Kanada sind. Russland dominierte den Prozess der Urananreicherung mit einem Anteil von 48 Prozent. Nach dem Beginn des Ukrainekriegs haben andere Länder ihre Anreicherungskapazitäten ausgebaut, beispielsweise die britische Urenco und die französische Orano. Die Herstellung von Uranbrennelementen ist auf viele Länder verteilt, darunter Frankreich, Deutschland, Schweden, Grossbritannien und Spanien. Im Vergleich dazu produziert China heute rund 95 bis 98 Prozent der weltweiten Solarwafer, die für die Herstellung von Solarmodulen benötigt werden, etwa 90 Prozent der in Europa verwendeten Solarpaneele stammen aus China. Das stellt ebenfalls ein geopolitisches Risiko dar.

Angenommen, die Schweiz würde sich für neue Kernkraftwerke entscheiden: Wer könnte die überhaupt bauen? 
Es gibt mehrere Anbieter. KHNP aus Südkorea hat grosse Projekte umgesetzt und exportiert seine Technologie, zum Beispiel nach Tschechien. In den USA gibt es Unternehmen wie Westinghouse und General Electric. In Europa ist EDF aus Frankreich ein wichtiger Anbieter. Grossbritannien entwickelt kleine modulare Reaktoren mit Rolls-Royce, aber die sind noch nicht marktreif und werden Anfang der 2030erJahre auf den Markt kommen. 

Ist Kernenergie für die Energiewende bis 2050 noch relevant oder ist es dafür schon zu spät?
Wenn man jetzt entscheidet, wäre es noch möglich, neue Anlagen rechtzeitig zu bauen. Aber wenn wir jetzt noch 10 oder 15 Jahre warten und dann plötzlich sagen, «wir brauchen in fünf Jahren ein neues Kernkraftwerk», dann geht es nicht. Wenn man zu lange wartet, wird es schwierig.

Warum kommen verschiedene Wissenschaftler:innen bei der Bewertung der Kernenergie zu so unterschiedlichen Ergebnissen?
Grundsätzlich gibt es sehr viele verschiedene Szenarien für die Zukunft unseres Energiesystems – mit vielen unterschiedlichen Kombinationen von Technologien. Man kann sich bewusst für ein Szenario ohne Kernenergie entscheiden, muss dann aber akzeptieren, dass dies mehr Importe, mehr Gaskraftwerke und mehr Ausbau von Wind und Solaranlagen bedeutet. Am Ende ist es keine rein wissenschaftliche Frage mehr, sondern eine Frage von Präferenzen – und damit eine politische und gesellschaftliche Entscheidung.

Zürich 24.06.2026
Beitrag von: Interview: Hendrik Thielemann
Bildquelle: PSI/M. Dzambegovic

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