Am Ende der Komfortzone
Skaleneffekte, Plattformökonomie und vielleicht auch einfach Bequemlichkeit: Europa ist mit der Zeit immer abhängiger von US-amerikanischen und chinesischen Software- und Computerriesen geworden. Doch seit einiger Zeit regt sich der Widerstand und es mehren sich die Forderungen nach mehr digitaler Souveränität.
Im August 2025 trat Nicolas Guillou eine Zeitreise an – weit zurück in eine Zeit, in der es noch kein Internet, keine E-Mail und keine Kreditkarten gab. «Reiseveranstalter» war das US-amerikanische Finanzministerium. Das hatte Guillou, einen Richter des internationalen Strafgerichtshofs, gemeinsam mit fünf weiteren Kollegen auf seine Sanktionsliste gesetzt. Gebucht hatten die Richter den exklusiven Trip mit ihrer Unterschrift unter den Haftbefehl gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen. Konten bei Amazon und Paypal? Geschlossen. Onlinebuchungen bei Expedia und Booking.com? Storniert. Visa und Mastercard? Gesperrt. E-Mail? Kein Zugriff mehr. Gouillous digitale Identität? So gut wie ausgelöscht. Teilweise seien sogar seine Konten bei Nicht-US-Banken gesperrt worden, berichtete der Richter der französischen Zeitung «Le Monde».
Das Beispiel des Den-Haager Richters zeigt, wie abhängig die Menschen in Europa von den USA sind, wenn es um digitale Technologien und Dienstleistungen geht. Wir alle nutzen Software und Onlinedienste von US-Firmen, chatten mit amerikanischen KI-Sprachmodellen und bezahlen mit Kreditkarten amerikanischer Anbieter.
Gefangen in digitalen Ökosystemen
Bisher sind wir gut und vor allem bequem damit gefahren. Die digitalen Services machen unser Leben komfortabel, und im Internet gilt nun mal «The winner takes it all»: Je mehr Kunden ein Dienstanbieter im Internet hat, desto mehr Mittel stehen ihm zur Verfügung, um seine Dienste auszubauen und für die Nutzenden noch attraktiver zu gestalten. Und was hilft ein «unabhängiger» Messengerdienst, wenn man sich dort nur selbst Nachrichten senden kann, weil alle Kollegen auf Whatsapp sind? Wer es sich einmal in einem der digitalen Ökosysteme von Microsoft, Google oder Apple bequem gemacht hat, kommt da so schnell nicht wieder heraus.
Doch das Ende der Komfortzone ist erreicht – nicht erst seit Nicolas Guillou und seine Kollegen ihre Kreditkarten nicht mehr benutzen können und auch nicht erst seit Donald Trump Europa mit seiner erratischen Politik aus dem Dornröschenschlaf erweckt hat.
Bereits 2024 hat das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bei der Berner Fachhochschule BFH einen Bericht zur digitalen Souveränität in Auftrag gegeben. Der unter Leitung des BFH-Professors Matthias Stürmer erstellte Bericht stellt der Schweiz kein besonders gutes Zeugnis aus: Die digitale Souveränität der Schweiz sei stark eingeschränkt, heisst es dort. Es gebe einzelne Ansatzpunkte, wie die Kontrolle über die Daten hergestellt und die IT-Systeme eigenständig weiterentwickelt werden sollen, aber noch seien kein systematisches Vorgehen und keine konkrete Umsetzung sichtbar, so der Bericht.
Aber kann ein Land mit der Grösse der Schweiz überhaupt digital eigenständig sein? Sie könnte, wenn sie es denn wollte. Das meinen zumindest die Verfasser des BFH-Berichts – und andere Experten stimmen zu.
Souverän ist wer Alternativen hat
Digitale Souveränität bedeutet nicht Autarkie. Das Konzept beschreibt vielmehr die Fähigkeit eines Staates oder einer Organisation, Kontrolle über Daten und digitale Systeme zu behalten und unabhängig über deren Einsatz zu entscheiden. Entscheidend ist dabei nicht, wo Daten physisch liegen, sondern wer darüber bestimmt. Souverän ist demnach, wer Alternativen hat – und über das technische und organisatorische Know-how verfügt, diese auch zu nutzen. Genau daran hapert es vielerorts.
Doch der Leidensdruck steigt, und deshalb wagen sich immer mehr Unternehmen und Institutionen aus ihrer Komfortzone – zumindest was alltägliche Office-Anwendungen und Cloud-Dienste angeht. Open Source scheint hier das «Silver Bullet» zu sein. Offen zugänglicher Quellcode ermöglicht es, Systeme unabhängig von einzelnen Herstellern zu betreiben und weiterzuentwickeln. Mehrere Anbieter können Wartung und Support übernehmen, wodurch Wettbewerb entsteht und Lock-in-Effekte reduziert werden. International gilt dieser Ansatz längst als strategisches Element digitaler Infrastruktur. Und auch in der Schweiz wird Open Source politisch befürwortet – etwa durch das 2024 in Kraft getretene Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben EMBAG, das Behörden zur Veröffentlichung eigener Software verpflichtet.
Open Source statt Microsoft
BFH-Professor Stürmer hat im vergangenen Sommer das «Netzwerk für eine souveräne digitale Schweiz» initiiert. Das Netzwerk versteht sich als Plattform für den Austausch rund um digitale Souveränität in der Schweiz. Im Zentrum stehen Themen wie die Reduktion von Abhängigkeiten von grossen Technologiekonzernen, der Einsatz von Open-Source-Software sowie der Aufbau souverän betriebener IT-Infrastrukturen. Langfristig soll unter anderem ein offizielles Schweizer Angebot der Open-Source-Arbeitsplatzlösung openDesk entstehen.
Auch der Bund selbst sucht nach Alternativen: Um mittelfristig die Abhängigkeit von Microsoft zu reduzieren und die digitale Souveränität der Schweizer Bundesverwaltung zu erhöhen, hat die Bundeskanzlei Anfang 2025 eine Machbarkeitsstudie lanciert. Diese bereitet den Weg für eine Büroautomationsumgebung mit Open-Source-Software: zum einen als Notfallersatz bei einem möglichen Ausfall von Microsoft 365, zum anderen für die laufende sichere Bearbeitung von Dokumenten mit schützenswerten Inhalten. Erste Resultate und daraus abgeleitete Empfehlungen sind demnächst zu erwarten. Eine konsequente Umsetzung steht jedoch noch aus. Kein Wunder, denn erst im vergangenen Dezember hat Bundesverwaltung den Rollout von Microsoft 365 abgeschlossen. Ausgerechnet das Verteidigungsdepartement und der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte waren die letzten, die das neue Softwarepaket bekamen.
Beitrag von: Hendrik Thielemann
Bildquelle: ht