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Neuer Standard macht Infrastrukturen nachhaltig

STZ, April 2020 - Im Hochbau wird der unabhängige Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz seit vielen Jahren mit Erfolg angewendet. Nun folgt im Frühjahr 2020 sein Pendant für den Tiefbau, das es möglich macht, auch Infrastrukturbauten nachhaltig zu planen und zu erstellen.
Die Schweizer Bahninfrastruktur setzt auf viele Brücken und Tunnelbauten, die hohe Ansprüche an Kosten, Umwelt und Freiräume erfüllen müssen. Im Bild die Zufahrt zum Ceneri-Basistunnel mit dessen Nordportal.

Nachhaltiges Bauen erstreckte sich bisher auf den Hochbau und betraf dort vor allem die Energieeffizienz. So entstanden diverse Labels und Standards in diesem Bereich. Auch belegen unterschiedliche Fördermassnahmen und Subventionen die Anstrengungen, den Energieverbrauch und die dabei resultierenden CO2-Emissionen des Gebäudeparks zu reduzieren. Von nachhaltigen Betrachtungen dagegen weitgehend ausgeklammert blieben bisher die unzähligen Bauten im Infrastrukturbereich für Mobilität, Wasser, Schutz, Energie oder Kommunikation. Die bundesrätliche Strategie «Nachhaltige Entwicklung» verfolgt bezüglich unserer gebauten Umwelt jedoch das klar formulierte Ziel, neben Hoch- auch Tiefbauten nach anerkannten Standards der Nachhaltigkeit zu planen, zu erstellen, zu betreiben und weiterzuentwickeln.

Neu entwickelte und unabhängige Standards

Aufgrund dieser Strategie entstand das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS), das von mehreren Bundesämtern sowie privaten Partnern getragen wird. Es hat während der letzten Jahre Grundlagen definiert, die bestehenden Vorgaben zusammengetragen und neue Beurteilungskriterien entwickelt. Ziel dieser Arbeiten war das Schaffen eines praktikablen Instruments, mit dem sich die Nachhaltigkeit eines Projekts beurteilen und bewerten lässt. Der Standard für nachhaltiges Bauen (SNBS) im Hochbau wurde schon vor einigen Jahren freigeschaltet und stösst mittlerweile auf grosses Echo. Indikatoren zeigen in den drei Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt, ob und wie nachhaltig ein Hochbau ist. Das NNBS hat nun auch für den Bereich der Infrastruktur einen Standard erarbeitet, der im Frühsommer 2020 freigegeben wird. Wie der Standard für den Hochbau beurteilt er Objekte des Tiefbaus und bewertet sie aufgrund verschiedener Kriterien aus den drei Nachhaltigkeitsbereichen sowie aus übergreifenden, transversalen Themen. Der komplett neu erarbeitete Standard für Infrastrukturen wird in sechs Pilotprojekten einem letzten Praxistest unterzogen. Dabei handelt es sich um verschiedene Infrastrukturbauten von der Kläranlage über die Gewässerkorrektion und eine Hochspannungsleitung bis zu einem Waffenplatz sowie zur Bahn- und Strasseninfrastruktur.

 

Mit Indikatoren und Punkten zum Ziel

Woraus besteht dieser neue Standard nun und wie arbeitet man damit? Zur Hauptsache besteht er aus einem Excel-Tool und einem Kriterienbeschrieb. Anhand der darin gestellten Anforderungen werden die insgesamt 75 Indikatoren aus 29 Kriterien mit Punkten bewertet. Zwei Punkte gibt es für erfüllte Anforderungen, einen Punkt für teilweise erfüllte und null Punkte für nicht erfüllte. Aus dem Durchschnitt seiner Indikatoren berechnet sich danach die Note eines Kriteriums.

Wichtig ist, dass der SNBS Infrastruktur in verschiedenen Phasen eines Projekts zur Anwendung gelangt, denn das mehrfache Anwenden in unterschiedlichen Entwicklungsstadien eines Projekts erhöht dessen Nachhaltigkeit. So können beispielsweise während der Vorstudien die Sollwerte der Indikatoren mit dem Standard bestimmt werden. Doch dient er auch bei der Variantenwahl als Entscheidungshilfe und während der Projektierung lässt sich mit ihm die Nachhaltigkeit weiter optimieren. Bei der Ausschreibung können die Inhalte des SNBS schliesslich einen Dienst als Inspirationsquelle beim Definieren der Eignungs-, Zulässigkeits- oder Zuschlagskriterien sowie beim Pflichtenheft leisten. Der SNBS Infrastruktur eignet sich darüber hinaus auch zum Beurteilen und Optimieren bestehender Infrastrukturen.

Wasserversorgung und Reinigung der Abwässer benötigen eine spezifische Infrastruktur

Freischaltung im Frühjahr

Der neue Standard für die Infrastruktur wird voraussichtlich im Mai 2020 freigeschaltet und kann dann unentgeltlich verwendet werden. Er wird eine bis jetzt bestehende Lücke im Tiefbau schliessen und erstmals Nachhaltigkeitskriterien bei der Planung und Ausführung von Infrastrukturbauten einführen. Das nun auch in der Praxis geprüfte Instrument schafft Sicherheit beim Umgang mit diesen neuen Kriterien. Der checklistenartige Aufbau hilft zudem ganz wesentlich beim Hinterfragen der bis anhin gepflegten Prozesse sowie bei deren Prüfung auf Vollständigkeit. Die Rückmeldungen aus den laufenden Pilotprojekten weisen darauf hin, dass der neue Standard als wertvoll beim Eruieren von Verbesserungspotenzial und damit als willkommenes Instrument betrachtet wird.

 

SNBS Infrastruktur - Nutzen und Mehrwerte
- Macht Nachhaltigkeit greifbar und Projekte beurteilbar
- Zeigt Stärken und Schwächen von Projekten
- Erlaubt gezieltes Setzen von Prioritäten
- Baut auf Bestehendem (Norm SIA 112/2) auf
- Praxisorientierte, projektbegleitende  Checkliste
- Unterstützt bei der Kommunikation gegenüber Politik und Bevölkerung
- Mögliches Instrument zur Beschaffung von Finanzmitteln
- Neues Zuschlagskriterium in der öffentlichen Beschaffung BöB

 

Autor: Joe Luthinger
Bildquellen: AlpTransit Gotthard AG, J. Luthiger
Artikel aus der STZ: Ausgabe April 2020