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Magnetschwebebahn reloaded

STZ, November 2020 - Aufbauend auf den Erfahrungen aus dem gescheiterten Transrapid-Projekt hat der deutsche Baukonzern Max Bögl eine Magnetschwebebahn für den Nahverkehr entwickelt. Massgeblich beteiligt war auch die Ingenieus AG, ein Ingenieurbüro aus Staad (SG).

Erinnern Sie sich noch an den Transrapid? Eine in Deutschland im 20. Jahrhundert entwickelte Magnetschwebebahn für den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Die Visionen waren gross: Mit Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h sollten die schwebenden Züge dem regionalen Flugverkehr Konkurrenz machen oder Flughäfen an die Innenstädte der Metropolen anbinden. Eine Transrapid-Strecke sollte Hamburg und Berlin verbinden, eine andere sollte die Reisezeit zwischen dem Münchner Hauptbahnhof und dem Flughafen auf zehn Minuten verkürzen, wie der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber in seiner wohl berühmtesten Rede versprach. Geworden ist daraus nichts. Der Transrapid war eine Totgeburt – jedenfalls aus deutscher Sicht. Einzig im chinesischen Schanghai verkehrt der Magnetzug seit 2004 zwischen dem Stadtgebiet und dem Flughafen Pudong.

Jetzt sieht es so aus, als könnte eine neue Magnetschwebebahn das Erbe des Milliardenflops Transrapid antreten: Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat der nordbayerische Baukonzern Max Bögl eine Magnetbahn für den Personennahverkehr entwickelt. Das Transportsystem Bögl (TSB) soll im Personennahverkehr auf Distanzen bis 30 km zum Einsatz kommen und ist für hohe Taktfrequenzen und Transportkapazitäten ausgelegt. Entsprechend geht es auch nicht wie beim Transrapid um Geschwindigkeitsrekorde, die TSB-Züge sind mit maximal 150 km/h unterwegs. Als Vorteile des TSB nennt Bögl auch nicht die Geschwindigkeit, sondern niedrige Investitions- und Lebenszykluskosten, geringen Platzbedarf für die Trasse, leise Fahrgeräusche, sowie die Fähigkeit enge Kurvenradien zu fahren und Steigungen bis zu zehn Prozent zu bewältigen.

Max Bögl war schon am Transrapid-Projekt beteiligt, und hatte die inzwischen stillgelegte Versuchsstrecke im norddeutschen Emsland gebaut. Seit 2012 testet Bögl die neue Bahn auf einer 820 Meter langen, werkseigenen Erprobungsstrecke am Firmensitz Sengenthal. Nach einer Fahrleistung von über 65’000 Kilometern und mehr als 100’000 Fahrten läuft derzeit das Zulassungsverfahren in Deutschland. Der Baukonzern will sein Transportsystem als «schlüsselfertige» Komplettlösung anbieten: Bögl liefert sowohl Trasse und Züge als auch das Betriebsleitsystem.
Ein ehrgeiziges Vorhaben, noch dazu für einen Baukonzern. Sicher, an der notwendigen Schwungmasse fehlt es Max Bögl nicht: Das Familienunternehmen erzielt mit 6500 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 1,7 Milliarden Euro pro Jahr. Aber Bögls Kerngeschäft waren bisher Grossprojekte anderer Art: Brücken, Autobahnen, Gebäudeparks. Für das TSB haben die Bayern sich deshalb Partner ins Boot geholt.

Einer dieser Partner ist die Ingenieus AG. Das in Staad (SG) ansässige Ingenieurbüro hat für Max Bögl grosse Teile des Magnetzugs entwickelt. «Bögl hat den Track und das Fahrwerk für das TSB entwickelt», erklärt Ingenieus-Geschäftsführer Adrian Trunz. «Alles, was darüber ist, kommt von uns.» Ingenieus hat für das Fahrzeug die Konzeption, die Entwicklung, Berechnung und die Zeichnungserstellung übernommen.


Innovative Technik mit hohem Designanspruch
Der von Ingenieus entwickelte Wagenkasten für das TSB ist in integraler Aluminium-Profilbauweise konsequent auf Leichtbau ausgelegt. Der zwölf Meter lange Wagenkasten ist nicht einmal 2,5 Tonnen schwer. «Eine grosse Herausforderung war, das Gewicht zu optimieren», erklärt Adrian Trunz. Der Zug wird bei jedem Halt abgesenkt. Bevor er weiter-fahren kann, müssen die Magnete ihn wieder anheben.
Auch bei der ebenfalls von Ingenieus entwickelten Anbindung für das von Max Bögl selbst gebaute Fahrwerk war Leichtbau gefragt. Um das Gewicht zu optimieren, erstellten die Ingenieure aus Staad mehrere Konzeptmodellvarianten und überprüften diese durch Simulationen mit der Finite-Elemente-Methode. Im engen Zusammenspiel zwischen Konstruktion und Berechnung fanden sie die optimale Bauteilgeometrie bei geringstem Materialeinsatz.


Bei den Aussenanbauten und beim Innenausbau spielte neben Gewicht und anderen technischen Anforderungen der hohe Anspruch an das Design eine grosse Rolle. Den Wunsch des Kunden nach einem hochwertigen und eigenständigen Design konnte Ingenieus dank enger Zusammenarbeit mit Partnern erfüllen. «Die gemeinsame Konzeption mit dem Designbüro Erfindergeist aus Goldach und weiteren Entwicklungs- und Fertigungspartnern hat Lösungen hervorgebracht, die technisch überzeugen und gestalterisch faszinieren», sagt Adrian Trunz. Design und Engineering gingen Hand in Hand. «Der Designer hat nicht für sich in der stillen Kammer gearbeitet, sondern immer gleich abgeklärt, ob eine Idee auch technisch machbar ist», so Trunz. Dadurch habe sich das Design nahezu vollständig in die Realität umsetzen lassen. Den Ausbau übernahm schliesslich eine Firma im deutschen Leipzig. Ingenieus-Mitarbeiter betreuten die Arbeiten über acht Monate vor Ort.


Weiterhin hat Ingenieus einen Frontnotausstieg für das TSB entwickelt. Angetrieben von Gasfedern, öffnen sich an den Stirnseiten des Magnetzugs im Notfall grosse Türen und Treppen entfalten sich. «Der Ausstieg ist aus der Not geboren», sagt Adrian Trunz. Ursprünglich war das Transportsystem immer zweigleisig geplant  und die Züge sollten im Notfall über die Seitentüren evakuiert werden. Dieses Konzept wurde jedoch im Laufe des Projekts geändert. Nun sind auch eingleisige Strecken möglich, und die Evakuierung der Züge kann über die von Ingenieus entwickelten Frontnotausstiege an den Zugenden erfolgen.

 

Entwicklung dauerte nur drei Jahre

Gut drei Jahre lang hat Ingenieus an dem Projekt gearbeitet. «Wir sind eine junge Firma, aber unsere Mitarbeiter haben viel Erfahrung und Know-how. Nur mit einer jungen Truppe wäre das nicht gegangen», so  Trunz, der als Maschineningenieur schon sechs Jahre in der Schienenfahrzeugbranche gearbeitet hat, bevor er zu Ingenieus kam. «Es ist schon eine Leistung, dass wir dieses Projekt mit zwölf Mitarbeitern in dieser Zeit abwickeln konnten», sagt der Geschäftsführer nicht ohne Stolz.

 

Der erste TSB-Zug hat im Sommer an Bord eines Antonow-Transportflugzeugs die Reise nach Chengdu in China angetreten. Dort soll er seine Fähigkeiten auf einer neuen 3,5 km langen Demonstrationsstrecke unter Beweis stellen. «Die Optimierung des Personennahverkehrs mithilfe modernster Technologien steht weit oben auf der Agenda der chinesi-schen Staatsführung», erklärt der Baukonzern in einer Mitteilung. Bögl hofft also auf Kundschaft aus dem Reich der Mitte. Und Ingenieus? «Für uns sind die Arbeiten am TSB so gut wie abgeschlossen», erklärt Adrian Trunz. Natürlich drückt der Ingenieus-Chef dem Baukonzern die Daumen und hofft, dass es gelingt, Käufer für das Transportsystem zu gewinnen: «Wenn ein Auftrag für Bögl kommt, bin ich sicher, dass auch wieder Engineering anfällt.»

Autor: Hendrik Thielemann
Bildquelle: Max Bögl, Ingenieus
Artikel aus der STZ: Ausgabe November 2020

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