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Einachser elektrisch nachrüsten

Tonnen CO2 könnten pro Jahr reduziert werden, wenn die komplette Fläche an Naturwiesen und Weiden von 607'534 Hektaren Land in der Schweiz einmal pro Jahr mit einem elektrisch angetriebenen Motormäher gemäht würden. Normalerweise wird mehrmals im Jahr gemäht, was die CO2-Einsparung um ein Vielfaches erhöht. Gian Caduff, Gründer von OC Engineers und Mitglied von Swiss Engineering, erklärt im Interview, wie sein Unternehmen eine elektrische Nachrüstlösung für Einachser entwickelt hat.

Gian, was war der Auslöser eurer Innovation und welche Probleme werden damit gelöst?

Als gelernter Landmaschinenmechaniker haben mich Einachser schon immer fasziniert. Mit Elektrofahrzeugen beschäftige ich mich beruflich seit 2014. Die beiden Bereiche zu kombinieren, lag für mich somit auf der Hand. Aktuelle politische Themen wie die CO2-Re-duktion und die Kreislaufwirtschaft brachten mich auf die Idee eines Retrofits, also bestehende Geräte umzurüsten, anstatt diese neu zu produzieren. Über die letzten Jahrzehnte ist in der Landwirtschaft ein Trend erkennbar. Kleine Landwirtschaftsbetriebe stellen ihren Dienst ein. Das führt dazu, dass die verbleibenden Betriebe überdurchschnittlich wachsen und mehr Agrarfläche bewirtschaften. Dies stellt die kleinen sowie grossen Betriebe vor neue Herausforderungen. Sie können die Fläche mit den vorhandenen Maschinen nicht mehr effizient bewirtschaften. Grössere Landmaschinen mit effizienteren Bearbeitungsmethoden gehen mit einer Erhöhung des Maschinengewichts, einer Reduktion der universellen Einsetzbarkeit sowie erhöhten Flur-, Wild- und Insektenschäden einher. Eine ganz spezielle Herausforderung stellt die Berglandwirtschaft dar, mit aussergewöhnlichen Steillagen, engen Strassennetzen und nicht zuletzt der sensiblen Natur. Dies verlangt einzigartige Lösungen. OC Engineers verfolgt die Entwicklung in diesem Bereich schon seit Längerem. Wir sind Entwicklungsdienstleister für Systeme und Produkte im Bereich Fahrzeug- und Maschinenbau. Genauer: Wir beschäftigen uns mit Mechanik, Fluidik sowie Fahrzeugelektrik. Unsere Kunden kommen aus dem Bereich der mobilen Arbeitsmaschinen wie Baumaschinen, Landmaschinen oder der Kommunaltechnik sowie Nutzfahrzeuge oder der Bahntechnik. Dabei legen wir besonderen Wert auf alternative Antriebssysteme wie beispielsweise batterieelektrisch angetriebene Maschinen.

CO2-Reduktion beim Einsatz eurer Motormäher ist ein wichtiger Aspekt, gibt es weitere Verbesserungen dieses Geräts?

Ja, die Lebensdauer von Einachsern kann durch die Nachrüstlösung, das sogenannte Retrofit, verlängert werden. Das erhöht die Wirtschaftlichkeit. Der Bedienkomfort der Einachser wurde in Bezug auf die Reduktion körperlicher Belastung und die Vibration deutlich gesteigert, und der Bediener ist keinen giftigen Abgasen mehr ausgesetzt. Zudem sind die Lärmemissionen deutlich geringer als bei einem vergleichbaren Verbrennungsmotor.

Im Gespräch hast du die Geschichte deines Bruders Paul erzählt, der sich darüber ärgert, dass die Mäher Bienen und andere Insekten verletzen. Welchen Beitrag leistet euer Einachser zum Erhalt und Förderung der Biodiversität?

Mein Bruder ist Bergbauer und Biolandwirt im Bündner Oberland. Er liebt seine Tiere und möchte sie mit hochwertigem Gras und Heu füttern. Wie wir ärgert er sich darüber, dass Bienen und Kleinlebewesen in den rotierenden Messern ihr Leben lassen müssen. Während Traktoren rotierende Messer verwenden, kommen bei Einachsgeräten häufig Messerbalken zum Einsatz, die das Gras nahe am Boden abschneiden. So fallen die Grashalme langsam um, und die Insekten haben genügend Zeit wegzufliegen. Die Bodenverdichtung wird durch das geringere Gewicht zudem reduziert. Die Attraktivitätssteigerung der Einachsgeräte soll bewirken, dass vermehrt auf den Traktor verzichtet wird. Das ist unser Ziel.

Gian, du bist Ingenieur mit einem Abschluss als «BSc Mechanical Engineering». Welche technische Leistung erforderte die Innovation?

Wir haben eine kompakte Antriebseinheit entwickelt, welche sich aus einer wiederaufladbaren Batterielösung, einem Elektromotor und den da-zugehörenden Systemen zusammensetzt. Das Zusammenspiel dieser Komponenten auf kleinstem Bauraum umzusetzen, ist eine grosse Herausforderung. Da es sich um eine handgeführte Maschine handelt, darf auch das Gewicht nicht vernachlässigt werden, was wiederum einen direkten Einfluss auf die Reichweite des Einachsers hat. Eine der grössten Herausforderungen bis anhin war aber nicht technischer Art, sondern die geeigneten Partner für die unterschiedlichen Komponenten zu evaluieren. Für die Hauptkomponente der Batterie unterstützt uns ein Schweizer Lieferant. Die nächste Hürde wird die Bestätigung der technischen Spezifikation bezüglich Funktionalität und Reichweite im Praxiseinsatz sein, wie auch die Zuverlässigkeit des Systems unter den realen Bedingungen.

Wie geht es mit der elektrischen Nachrüstlösung für Einachsgeräte weiter?

Wir suchen noch weitere Testkunden in unterschiedlichen Bereichen: wie Gemeinden, landwirtschaftliche Betriebe, Gärtnereien etc. Zudem arbeiten wir laufend am Prototyp, um diesen zur «Serienreife» zu entwickeln. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit unseren Kunden die ersten Feldtests zu realisieren.   

 

Interview: Uschi Roth
Bildquellen: OC Engineers
Artikel aus der STZ: Ausgabe Juni 2020