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In der Schweiz wie auch in anderen Industrieländern begreift man die Abkehr vom linearen Wirtschaften hin zur Kreislaufwirtschaft zunehmend als Chance.

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Die Grenzen des Wachstums überwinden

STZ, Oktober 2021 - Produkte so lange und so intensiv wie möglich nutzen, sie anschliessend möglichst vollständig recyceln und erneut nutzen. Das ist der Kerngedanke hinter dem Leitbild der Kreislaufwirtschaft. In der Schweiz wie auch in anderen Industrieländern begreift man die Abkehr vom linearen Wirtschaften hin zur Kreislaufwirtschaft zunehmend als Chance.

«Die Schweiz ist pleite.» So titelte der World Wildlife Fund (WWF) eine Medienmitteilung am 10. Mai dieses Jahres. Die Schweiz bankrott? Kaum vorstellbar. Da haben die Umweltschützer wohl etwas falsch verstanden, oder? Mitnichten. Dass die Eidgenossenschaft noch liquide war, wussten auch die Verfasser der Meldung. «Ab morgen bis Ende Jahr lebt die Schweiz auf Pump, also auf Kosten der kommenden Generationen. Denn wir verbrauchen zu viele natürliche Ressourcen», so der WWF. Würden alle so leben wie die Schweizer Bevölkerung, wären die Ressourcen von drei Planeten notwendig, rechnete die Umweltschutzorganisation vor.

Neue Lösung für ein altes Problem?

Das ist nichts Neues. Vor knapp einem halben Jahrhundert veröffentlichte der Club of Rome seinen Bericht «Die Grenzen des Wachstums». «Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht», so das Fazit des Berichts im Jahr 1972.

Die Hälfte der «Gnadenfrist», die uns der Club of Rome damals eingeräumt hat, ist verstrichen. Die Weltbevölkerung hat sich in diesem Zeitraum verdoppelt. Der weltweite Verbrauch an natürlichen Ressourcen hat sich mehr als verdreifacht und nimmt weiter zu. Doch nach wie vor setzen wir auf ein Wirtschaftssystem, das sich durch exponentielles Wachstum auszeichnet – und das grösstenteils einem linearen Prinzip folgt: «Nehmen – produzieren – nutzen – wegwerfen. » Nach wie vor beherrscht die lineare Wirtschaft unseren Alltag. Produkte wie Mobiltelefone oder Kleidung werden als Wegwerfartikel behandelt. Dabei dient die – nicht selten beabsichtigte – geringe Lebensdauer der Produkte als Wachstumsmotor.

Einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma könnte die Abkehr von diesem linearen Prinzip hin zur Kreislaufwirtschaft bieten. «Nichts soll verloren gehen», so könnte man den Grundgedanken hinter der Kreislaufwirtschaft umschreiben. Alles befindet sich in einem grossen geschlossenen Kreislauf. Produkte werden so lange wie möglich genutzt und am Ende ihrer Lebensdauer möglichst vollständig recycelt. Das Leitbild der Kreislaufwirtschaft kann, sinnvoll und an den richtigen Stellen angewandt, helfen, unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem so zu verändern, dass die Lebensgrundlagen auf der Erde auch für kommende Generationen erhalten bleiben.

Dienstleistung statt Produkt, teilen statt besitzen

Kreislaufwirtschaft basiert auf drei grundlegenden Prinzipien: erstens, der Vermeidung von Abfall und Verschmutzung, zweitens der möglichst langen Nutzung von Produkten und Materialien und drittens der Regeneration der natürlichen Ressourcen. In der Kreislaufwirtschaft sollten Produkte so designt sein, dass Abfall vermieden und die Umwelt nicht belastet wird. Sie sollten möglichst langlebig und reparierbar sein. Am Ende der Lebensdauer sollten ganz oder zumindest teilweise wiederaufgearbeitet und einer neuerlichen Nutzung zugeführt werden können. Wo das nicht möglich ist, sollten zumindest die Rohstoffe recycelt werden können, und zwar möglichst gleichwertig. Downcycling, also eine Wiederverwendung der Rohstoffe in minderer Qualität für weniger anspruchsvolle Produkte, sollte vermieden werden. Während seiner Lebensdauer sollte ein Produkt so intensiv wie möglich genutzt werden. Das erfordert die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, bei denen das Eigentum in den Hintergrund tritt. Stattdessen zahlen Konsumenten für Dienstleistungen oder mieten Produkte dann, wenn sie diese wirklich brauchen. Die Produkte müssen so ausgelegt sein, dass sie für diese «Sharing Economy» geeignet sind.

«Die Kreislaufwirtschaft könnte für Schweizer Unternehmen eine Multi-Milliarden-Franken-Chance darstellen

PwC und WWF sehen Chance für die Schweiz

Die Kreislaufwirtschaft könnte für Schweizer Unternehmen eine Multi-Milliarden-Franken- Chance darstellen. Das meinen zumindest die Verfasser des Reports «Circularity as the new normal: Future fitting Swiss businesses ». Die Unternehmensberatung PwC und der WWF haben den Bericht Anfang 2021 gemeinsam veröffentlicht. Die Autoren analysieren den Stand und die Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft für den Finanz-, Lebensmittel-, Textil-, Pharma- und Uhrenund- Schmucksektor. Die Bestandsaufnahme ist ernüchternd: Herr und Frau Schweizer werfen beispielsweise jährlich Lebensmittel im Wert von 600 Franken in den Abfall. In ihren Kleiderschränken befinden sich im Mittel 114 Kleidungsstücke, von denen 40 Prozent höchstens viermal getragen werden. Weniger als ein Prozent der abgelegten Kleidungsstücke wird gleichwertig – also zu neuer Kleidung – recycelt. In den anderen untersuchten Bereichen sieht es nicht viel besser aus.

Die Kreislaufwirtschaft, so der Report, schaffe für Schweizer Unternehmen eine geringere Abhängigkeit von Ressourcen, aber auch Zugang zu neuen Märkten, zu Innovationen und Investitionen. Eine Chance sei sie aber auch für die Schweizer Finanzindustrie, der sie neue Geschäftsfelder eröffne. Die Verfasser des Reports schätzen, dass durch die Kreislaufwirtschaft rund 100'000 neue Arbeitsplätze in der Schweiz entstehen könnten. Weitere Vorteile seien zu erwarten, da die regenerativen Kreisläufe zu weniger Umweltverschmutzung, mehr lokal hergestellte und weniger giftigen Produkte führten. Nicht zuletzt könnte die Kreislaufwirtschaft entscheidend dazu beitragen, den Nachhaltigkeitsverpflichtungen aus der Agenda 2030 und dem Pariser Abkommen nachzukommen.

Interview: Hendrik Thielemann
Bildquelle: Freitag
Artikel aus der STZ: Ausgabe Oktober 2021

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